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Wenn die Maschine steht – was KI-Agenten in der Produktion wirklich leisten (und was nicht)

5. Okt.
6 Min. Lesezeit

Wenn die Maschine steht

Montag, 7:40 Uhr

Die CNC-Fräse in Halle 2 steht. Spindelschaden, Reparatur voraussichtlich zwei Tage. Der Produktionsleiter weiss das seit zehn Minuten.


Was er noch nicht weiss: Welche Kundenaufträge hängen an dieser Maschine? Welche davon sind diese Woche fällig? Welcher Kunde hat eine Konventionalstrafe im Vertrag? Kann die zweite Fräse einspringen, und was verschiebt sich dann dort?


Die Antworten liegen alle irgendwo im Unternehmen. Im ERP, in der Maschinensteuerung, im Excel des Arbeitsvorbereiters, im Kopf des Schichtleiters. Bis sie zusammengetragen sind, ist es Mittag. Und der erste Kunde hat bereits angerufen.


In den bisherigen Beiträgen dieser Serie haben wir erklärt, was Fabric Data Agents sind und welche Art von Agent Sie wirklich brauchen. Heute wird es konkret: Wir zeigen an zwei Fällen aus der Produktion, was KI-Agenten mit Microsoft Fabric IQ leisten können. Und wir sagen ebenso deutlich, wo die Grenzen liegen.


Wenn die Maschine steht: Was KI-Agenten in der Produktion wirklich leisten



Das eigentliche Problem: Ihr ERP plant mit Sollwerten

Ihr ERP ist das verbindliche Gedächtnis Ihres Unternehmens. Aufträge, Stücklisten,

Arbeitspläne, Lagerbestände. Darauf ist Verlass.


Aber das ERP plant mit Stammdaten. Mit der Vorgabezeit aus dem Arbeitsplan. Mit der

Wiederbeschaffungszeit, die vor Jahren beim Lieferanten erfasst wurde. Mit einer Kapazität,

die voraussetzt, dass alle Maschinen laufen.


Die Realität sieht anders aus:

  • Der Lieferant bestätigt Freitag, liefert aber erfahrungsgemäss am Mittwoch darauf.

  • Der Arbeitsgang ist mit 40 Minuten geplant, dauert in der Praxis aber 50.

  • Eine Maschine fällt aus, und niemand sieht auf einen Blick, was daran hängt


Genau in dieser Lücke zwischen Plan und Realität entstehen verpasste Liefertermine,

Expresszuschläge und verärgerte Kunden. Nicht weil jemand einen Fehler macht, sondern

weil die Informationen nicht verbunden sind.


Hier setzt Microsoft Fabric IQ an. Vereinfacht gesagt beschreibt Fabric IQ mit einer

sogenannten Ontologie, wie Ihr Betrieb zusammenhängt: Kunde, Auftrag, Artikel,

Stückliste, Arbeitsgang, Maschine, Lieferant. Und vor allem die Beziehungen dazwischen.


Auf diesem Modell können Agenten nicht nur Fragen beantworten, sondern Situationen

erkennen, erklären und Massnahmen vorschlagen. Eine ausführlichere Einführung finden




Fall 1: Gefährdete Liefertermine erkennen, bevor der Kunde anruft

Das Ziel ist einfach: Aufträge, die ihren Termin nicht halten werden, sollen erkannt werden,

solange man noch handeln kann. Nicht erst am Liefertag.


Was es dafür braucht

Erstaunlich wenig, und alles ist bereits im ERP vorhanden: Kundenaufträge mit bestätigtem

Termin, Fertigungsaufträge mit Arbeitsplänen und Rückmeldungen, Kapazitäten,

Lagerbestände, offene Bestellungen und die Lieferhistorie Ihrer Lieferanten.


Was der Agent daraus macht

Der entscheidende Unterschied: Er rechnet nicht mit dem bestätigten Liefertermin des

Lieferanten, sondern mit dem realistischen. Liefert ein Lieferant im Schnitt drei Tage zu

spät, fliesst genau das in die Prognose ein. Dasselbe gilt für Arbeitsgänge, die regelmässig

länger dauern als geplant.


In der Praxis arbeiten dabei vier Rollen zusammen:

  1. Frühwarnen: Täglich werden alle Aufträge markiert, deren Terminpuffer knapp wird.

  2. Erklären: Der Agent sagt in Klartext, warum. Zum Beispiel: «Auftrag 4711 ist

    gefährdet, weil die Welle von Lieferant X erfahrungsgemäss drei Tage zu spät kommt

    und die Fräse in KW 42 zu 130 % ausgelastet ist.»

  3. Optionen abwägen: Überstunden, Los splitten, Teillieferung, alternatives Material,

    andere Priorisierung. Und vor allem: was jede Option bei anderen Aufträgen auslöst.

  4. Kommunizieren: Der Agent entwirft die Kundeninformation mit einem realistischen

    neuen Termin. Freigeben und versenden tut ein Mensch.

Was Sie davon haben

Der Verkauf informiert Kunden proaktiv statt sie zu vertrösten. Expresszuschläge und

Konventionalstrafen sinken. Und die Frage «Schaffen wir das?» wird mit Fakten beantwortet

statt mit Bauchgefühl. Messbar ist das über die Liefertermintreue und die Vorwarnzeit in

Tagen.




Fall 2: Maschine steht – die Folgen in Minuten statt Stunden

Zurück zu Montag, 7:40 Uhr. Die Störmeldung geht ein, im einfachsten Fall per Knopfdruck

am Tablet, später direkt aus der Maschinensteuerung.


Der Agent folgt nun der Wirkungskette durch das Modell: Maschine → offene Arbeitsgänge

→ Fertigungsaufträge → Kundenaufträge → Kunden. Dazu die nachgelagerten Stationen, die ohne Nachschub leer laufen werden.


Nach wenigen Minuten liegen auf dem Tisch:

  • welche Aufträge betroffen sind, sortiert nach Dringlichkeit und Kundenwichtigkeit

  • was der Ausfall pro Tag kostet, inklusive Verzug, möglicher Strafen und Stillstand

    nachgelagerter Stationen

  • welche Optionen es gibt: Alternativmaschine mit Umrüstaufwand, Fremdvergabe,

    Zusatzschicht nach der Reparatur

  • welcher Liefertermin bei welcher Option realistisch ist


Der letzte Punkt zeigt, wie eng beide Fälle zusammenhängen. Fall 2 ist das Ereignis, Fall 1

die laufende Überwachung. Beide nutzen dasselbe Modell. Wer das eine aufbaut, hat einen

grossen Teil des anderen bereits erstellt.


Der Effekt über die Zeit

Aus der Ausfallhistorie entsteht ein Bild davon, wie kritisch jede Maschine wirklich ist: Wie

viel Umsatz hängt daran? Gibt es eine Alternative? Wie oft fällt sie aus? Das ergibt

begründete Prioritäten für Instandhaltung und Ersatzteilbevorratung, und handfeste

Argumente für Investitionsentscheide. Nebenbei werden Abhängigkeiten sichtbar, die sonst

niemand auf dem Radar hat. Etwa: «Nur ein einziger Mitarbeiter kann diese Anlage

einrichten.»




«Kann das mein ERP nicht auch?»

Teilweise, ja. Moderne ERP-Systeme bieten Verfügbarkeitsprüfungen, Kapazitätsplanung

und Störmeldungen. Der Unterschied liegt nicht im Ob, sondern im Wie:


ERP

Agent auf Fabriq IQ

Grundlage

Sollwerte aus Stammdaten

Gelernte Istwerte

Datenbasis

Daten im ERP

ERP plus Maschinen, Excel, Qualitätssystem, weitere Systeme

Maschinenausfall

Störmeldung und Instandhaltungsauftrag

Wirkungskette bis zum Kunden

Ergebnis

Neuer Termin

Erklärung, Optionen, Auswirkungen,

Kundeninfo

Betriebsregeln

Customizing oder Entwicklung

Fachlich lesbare Regeln


Wichtig: Der Agent ersetzt das ERP nicht. Das ERP bleibt die verbindliche Quelle für

Aufträge und Buchungen. Fabric IQ ist die Entscheidungsschicht darüber, die das ERP mit

dem Rest der Realität verbindet.


Ihr ERP weiss, was geplant ist. Der Agent weiss, was wirklich passiert, und was das für Ihre Kunden bedeutet.




Die unbequeme Wahrheit: Wo es nicht funktioniert

So weit die Theorie. Jetzt die Punkte, die in Hochglanzpräsentationen meist fehlen.


1. Schlechte Rückmeldungen ergeben überzeugende Fehlprognosen

Wenn Arbeitsgänge im ERP nicht sauber zurückgemeldet werden, weiss der Agent nicht, wo

ein Auftrag wirklich steht. Veraltete Stücklisten und Arbeitspläne verfälschen jede

Prognose. Das Tückische: Ein Agent formuliert auch falsche Ergebnisse flüssig und

überzeugend. Eine falsche Prognose, die glaubwürdig klingt, ist gefährlicher als gar keine.

In vielen Betrieben ist das erste Projekt deshalb kein KI-Projekt, sondern eines der

Prozessdisziplin.


2. Die Technologie ist noch jung

Das zentrale Element von Fabric IQ, die Ontologie, befindet sich bei Microsoft noch in der

Preview-Phase. Für einen Pilot ist das kein Problem. Für den produktiven Betrieb

geschäftskritischer Prozesse heisst es: mit Vorsicht und mit Rückfallebene.


3. Wer entscheidet, wer haftet?

Schlägt der Agent eine Umplanung vor und leidet darunter ein wichtiger Kunde, wer trägt

die Verantwortung? Unsere klare Empfehlung: Der Agent erkennt, erklärt und schlägt vor.

Entscheiden tut weiterhin der Mensch. Automatisch ausgeführt werden nur klar definierte

Routinefälle.


4. Ohne Akzeptanz kein Nutzen

Erlebt der Produktionsleiter den Agenten als Kontrollinstrument, wird er ihn umgehen. Die

Menschen, die heute mit Erfahrung und Excel den Betrieb am Laufen halten, gehören von

Anfang an in die Entwicklung. Ihr Wissen ist es, das die Regeln im Modell erst wertvoll

macht.


5. Eine Ontologie muss gepflegt werden

Eine Ontologie ist kein Projekt mit Abschlussdatum, sondern ein lebendes Modell Ihres Betriebs. Neue Maschinen, neue Produkte, ein neuer Lieferant, eine geänderte Prioritätsregel: Jede Veränderung im Betrieb muss auch im Modell nachgeführt werden. Sonst arbeitet der Agent mit einem Bild Ihrer Firma von gestern.


Dafür braucht es klare Verantwortlichkeiten. Wer darf eine Definition oder Regel ändern? Wer gibt sie frei? Und wie ist nachvollziehbar, was sich wann geändert hat? Das ist dieselbe Disziplin wie bei Stammdaten, nur eine Ebene höher. Warum KI mit schlechten Daten nichts löst, haben wir bereits in einem eigenen Beitrag beschrieben. Für die Ontologie gilt dasselbe beim Geschäftswissen: Ein veraltetes Modell liefert veraltete Entscheidungen.


6. Es kostet Geld

Fabric-Kapazität, Aufbau, laufende Pflege der Regeln. Der Business Case gehört vor das

Projekt, nicht danach. Die gute Nachricht: Bei verpassten Lieferterminen und

Maschinenausfällen lässt sich der Nutzen in Franken beziffern.




Nächste Schritte

  1. Beginnen Sie mit einem einzigen Use Case Aufträge, Stücklisten, Arbeitsgänge, Rückmeldungen und Lager reichen für Fall 1. Maschinendaten kommen in einer zweiten Phase dazu, dort liegt meist der grösste Aufwand.

  2. Prüfen Sie Ihre Rückmeldequalität Wie genau wissen Sie heute, wo ein Auftrag steht? Ist die Antwort «ungefähr», beginnt die Arbeit hier.

  3. Machen Sie einen engen Proof of Concept. Eine Produktlinie, ein Engpass, ein klares Ziel. Zum Beispiel: gefährdete Aufträge mindestens fünf Tage im Voraus erkennen.




Fazit - was KI-Agenten in der Produktion wirklich leisten

KI-Agenten in der Produktion sind kein Zukunftsthema mehr. Mit Fabric IQ lassen sich

Liefertermine und Maschinenausfälle heute so abbilden, dass aus Daten Entscheidungen

werden. Aber die Agenten sind nur so gut wie die Daten und Regeln, auf denen sie

aufbauen. Wer zuerst die Grundlagen in Ordnung bringt, erhält einen echten Vorsprung.

Wer direkt mit dem Agenten startet, erhält vor allem schnellere Fehler.




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