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Praxisbeispiel "Inventory Report"

Der Use Case:


Als Bestandsmanager / Supply-Chain-Verantwortlicher / Operations Manager möchte ich in der Lage sein, Bestände, Lagerbewegungen und Umschlagshäufigkeiten transparent und in Echtzeit zu analysieren, damit ich Fehlbestände und Überbestände frühzeitig erkennen, den zukünftigen Lagerbedarf besser planen und fundierte Entscheidungen zur Optimierung der Lager- und Supply-Chain-Performance treffen kann.



Die Umsetzung des "Inventory Report"


Inventory Overview


🧭 Das Gesamtbild: Wo stehen wir aktuell?


1. Die vier Key Performance Indicators (KPIs) im oberen Bereich


  • DIO (Days Inventory Outstanding / Reichweite): Liegt im September bei 10 Tagen. Das ist eine Verschlechterung um 6 Tage im Vergleich zum Vorjahr (+6) und um 3 Tage im Vergleich zum Vormonat (+3) – dargestellt durch die roten Warnpfeile.

  • Inv. as % of Sales (Bestand in % des Umsatzes): Liegt im September bei 2,0 %. Auch hier gibt es einen leichten Anstieg (Verschlechterung) im Vergleich zum Vorjahr (+0pp) und Vormonat (+1pp).

  • SR (Service Rate / Servicegrad): Liegt bei 8,1 %. Dies zeigt eine positive Entwicklung (grüne Pfeile), da sie im Vergleich zum Vorjahr um 1,0 Prozentpunkte (-1.0pp) und zum Vormonat um 1,3 Prozentpunkte gesunken ist

  • STR (Sell-Through Rate / Abverkaufsquote): Liegt im September bei sehr hohen 99,1 %. Sie ist allerdings im Vergleich zum Vorjahr minimal (-0,7pp) und zum Vormonat (-2,3pp) leicht zurückgegangen.


Inventory Overview

🔍 Das Hauptdiagramm (Inventory Value End)


Der untere linke Teil zeigt den zeitlichen Verlauf des Endbestandswerts (Inventory Value End) über die Monate Januar bis Dezember (wobei Oktober bis Dezember als Forecast / FC schraffiert dargestellt sind).


  • Untere Achse (AC/PM/PY): Die grauen Balken zeigen den tatsächlichen Bestand (z. B. 37.8M im Januar). Die blaue Linie zeigt den prozentualen Anteil am Umsatz.

  • Mittlere Achse (Delta PY): Zeigt die Abweichung in absoluten Zahlen zum Vorjahr. Rote Balken bedeuten einen höheren (schlechteren) Bestand als im Vorjahr, grüne Balken einen niedrigeren (besseren) Bestand.

  • Obere Achse (Delta PM): Zeigt die Abweichung zum jeweiligen Vormonat.


➡️ Management-Aussage:

  • Punkt 1: Januar - Überbevorratung (Inventory Value End: 37.8M, +1.9%)

    • Problem: Hohe Bestellungen zum Jahresende passten nicht zur tatsächlichen Nachfrage im Januar.

    • Maßnahme: Bestellstrategien anpassen (Adjust ordering strategies), um unnötige Lageraufbauten nach den Feiertagen zu verhindern.

  • Punkt 2: Juni – Erfolgreiche Reduzierung (Inventory Value End: 31.5M, -7.1%)

    • Hintergrund: Spiegelt zielgerichtete Werbeaktionen zur Jahresmitte wider.

    • Maßnahme: Sicherheitsbestände feintunen (Fine-tune safety stock levels) für saisonale Spitzen, um die Verfügbarkeit zu sichern, ohne eine Überbevorratung zu riskieren.

  • Punkt 3: September – Strategischer Aufbau (Inventory Value End: 34.2M, +9.2%)

    • Hintergrund: Vorbereitung auf das erwartete Weihnachtsgeschäft (Holiday Season).

    • Maßnahme: Starke Werbekampagnen umsetzen (Implement strong promotional campaigns), um den Weihnachtsverkauf anzukurbeln und das Risiko von Ladenhütern im neuen Jahr zu minimieren.


Inventory versus Optimal Range


Die zweite Berichtsseite schaltet von der reinen Makro-Ebene (Vogelperspektive) um auf die operative und strategische Steuerungsebene (Mikro-Ebene).


Hier wird analysiert, ob die aktuellen Bestände in den einzelnen Produktkategorien und Lagern innerhalb ihres definierten Optimalbereichs liegen – ein klassisches Soll-Ist-Abweichungscontrolling.


Der Bericht vergleicht die Bestände auf Granular-Ebene (nach Produktkategorien wie Electronics, Toys, Furniture etc.) und teilt sie nach zwei Standorten auf Warehouse A und Warehouse B


Für jedes Lager werden drei Dimensionen gezeigt:

  • Inventory End Value: Der absolute Wert des aktuellen Bestands.

  • Inv. as % of sales: Der prozentuale Anteil des Bestands am jeweiligen Umsatz.

  • Opt. range (Optimaler Bereich): Ein Ampelsystem (Grün = Optimal, Gelb = Achtung/Tendenz, Rot = Kritische Abweichung) inklusive Trendpfeilen


Inventory versus Optimal Range

➡️ Management-Aussage:


1. Umlagerung zur Working-Capital-Optimierung (Laptop)

  • Problem: Bei Laptops im Warehouse B zeigt die Ampel Rot mit fallender Tendenz, Hier droht ein Stockout (Unterbevorratung). Warehouse A hat dagegen einen gesunden Bestand

  • Maßnahme (Reallocation): Es wird eine Umlagerung von 200 Einheiten von Warehouse A nach Warehouse B angeordnet. Interne Bestandsverlagerung statt teurem Neueinkauf. Das schont die Liquidität und sichert die Lieferfähigkeit an beiden Standorten.

2. Risiko von Lagerhütern & Kapitalbindung (Smartwatch)

  • Problem: Smartwatches in Warehouse A stehen auf Rot mit steigender Tendenz. Hier droht eine Überbevorratung.

  • Maßnahme: (Active promotion campaign): Start einer gezielten Marketingaktion, um den Abverkauf anzukurbeln und das Lager zu leeren. Vermeidung von Holding Costs (Lagerhaltungskosten) und dem Risiko von Wertminderungen (Obsoleszenz), da Elektronikartikel schnell veralten.

3. Saisonaler Abverkauf durch Sales Campaigns (Toys in Warehouse B)

  • Problem: Im Bereich Spielzeug (Toys) im Warehouse B sieht man eine ganze Kette von roten Ampeln mit fallender Tendenz. Vorangegangene Vertriebskampagnen waren sehr erfolgreich und haben den verfügbaren Bestand massiv.

  • Massnahme: Es muss geprüft werden wann der optimale Zeitpunkt zum Nachbestellen (Reorder Point) erreicht ist, um nicht in den Fehlmengenbereich zu rutschen.

4. Zyklischer Wiederaufbau nach Fehlmengen (Action Figure)

  • Problem: Die Action-Figuren stehen auf Gelb mit steigendem Trend.

  • Massnahme: Nach einem extremen Lagerengpass (Lack of stock) im Vormonat wird das Lager nun gezielt wieder aufgefüllt. 

5. Risikomanagement für unverkäufliche Ware (Refrigerator / Kühlschränke)

  • Problem: Kühlschränke zeigen im Dashboard ein kritisches Signal.

  • Maßnahme: Ein Spezialist muss einen Plan ausarbeiten, um das Risiko von veraltetem/unverkäuflichem Bestand zu minimieren.

6. Antizyklische Bevorratung für die Peak-Season (Table)

  • Problem: Tische im Warehouse A stehen auf Rot mit sinkender Tendenz.

  • Maßnahme: (Restocking is advised): Es wird dringend zu einer Nachbestellung geraten.



Days Inventory Outstanding


Die dritte Berichtsseite vom Inventory Report widmet sich voll und ganz der wohl wichtigsten Kennzahl im Bestandscontrolling: den Days Inventory Outstanding (DIO) – im Deutschen oft als Lagerdauer oder Reichweite bezeichnet.


🧭 Der historische Trend (2023 vs. 2024)


Hier sieht man die monatliche Entwicklung der DIO im Vergleich zum Plan bzw. Forecast.


  • 2023: Das Unternehmen agierte extrem schlank mit einer stabilen Reichweite von meist 4 bis 6 Tagen.

  • Januar 2024: Die DIO verdoppelte sich schlagartig auf 10 Tage (+5 Tage zum Vormonat).

  • September 2024 (Aktueller Monat): Die Reichweite klettert wieder auf 10 Tage (ein Plus von 3 Tagen zum Vormonat).

Die Kommentare liefern die vertriebliche Erklärung für den Sommer und den Herbst:

  • Punkt 1 (Juli/August): Die DIO sank leicht auf 9 bzw. 8 Tage. Grund waren starke Umsätze durch erfolgreiche Sommeraktionen (Summer Promotions) bei Elektronik und Möbeln.

  • Punkt 2 (September): Der Sprung zurück auf 10 Tage ist kein Kontrollverlust, sondern eine bewusste, frühzeitige Vorbereitung auf das starke vierte Quartal (Q4 Holiday Demand).


Days Inventory Outstanding


🔍 Detailanalyse: Woher kommen die Abweichungen?


Um zu verstehen, warum die DIO im September gestiegen ist, zerlegt das Dashboard die Kennzahl in ihre beiden mathematischen Komponenten:


DIO Berechnung

Wenn man sich die Abweichungen zum Vormonat anschaut, sieht man genau, warum die DIO hochgegangen ist:


Wenn man sich die Abweichungen zum Vormonat anschaut, sieht man genau, warum die DIO hochgegangen ist:


👉 Average Inventory LTM (Bestand steigt)

  • Warehouse A: Der durchschnittliche Bestand stieg um +1 Mio. USD (+6,0 %). Haupttreiber war die Kategorie Electronics mit einem massiven Zuwachs von +2 Mio. USD (+18,8 %).

  • Warehouse B: Zeigt einen leichten Zuwachs von +100K USD (+1,1 %). Auch hier schlägt Electronics mit +452K USD (+16,5 %) am stärksten zu Buche.

  • Ergebnis: Es liegt mehr Ware im Lager.

👉 COGS LTM (Wareneinsatz / Umsatz sinkt)

  • Warehouse A: Der Wareneinsatz (als Indikator für den Absatz) sank um -9 Mio. USD (-0,9 %). Vor allem bei Home Appliances (-7 Mio. USD) ging das Volumen zurück.

  • Warehouse B: Sank ebenfalls um -4 Mio. USD (-0,9 %).

  • Ergebnis: Es wurde im rollierenden Zwölfmonatsfenster minimal weniger Ware abgesetzt


➡️ Klare Interpretation:

Bestandserhöhung bei gleichzeitigem Umsatzrückgang. Aber als gezielte Massnahme!



🧭Fazit: Vom Makro-Trend zur punktgenauen Aktion

👉 Die drei Berichtsseiten des Dashboards zeigen eindrucksvoll, wie modernes Supply Chain Controlling funktioniert: Es verbindet die finanzielle Vogelperspektive nahtlos mit datengestützten, operativen Entscheidungen.


Betrachtet man alle drei Seiten im Zusammenhang, ergibt sich eine klare dreistufige Story:

  1. Die Makro-Ebene (Seite 1 - Overview): Die finanzielle Gesamtübersicht schlägt im September 2024 Alarm. Zentrale Kennzahlen wie die Reichweite (DIO) verschlechtern sich. Doch der Blick auf die integrierten Kommentare zeigt sofort: Dies ist kein Kontrollverlust, sondern die Einleitung einer bewussten, strategischen Wachstumsphase für das anstehende Weihnachtsgeschäft.

  2. Die Mikro-Ebene (Seite 2 - Inventory vs. Optimal Range): Hier wird die Strategie operativ übersetzt. Das Controlling blickt tief in die einzelnen Lager und Produktgruppen. Statt starrer Pauschalmaßnahmen wird differenziert gehandelt: Wo Bestände kritisch sinken (Laptops im Warehouse B), wird intern umgelagert. Wo Ware zu überaltern droht (Smartwatches, Kühlschränke), steuert das Management mit gezielten Marketingkampagnen und Risikoplänen gegen.

  3. Die mathematische Ursachenforschung (Seite 3 - Days Inventory Outstanding): Zum Schluss liefert die mathematische Zerlegung der DIO den ultimativen Beweis für die Richtigkeit des Handelns. Der Anstieg der Lagerdauer auf 10 Tage resultiert aus einem klassischen Schereneffekt: Einem bewussten, massiven Bestandsaufbau im Fokusbereich Elektronik bei einem gleichzeitig minimal rückläufigen rollierenden Wareneinsatz (COGS).


Bestandsmanagement ist die Kunst der Balance. Wer nur auf die nackten Gesamtzahlen starrt, übersieht oft die strategische Absicht dahinter. Erst das Zusammenspiel aus finanziellem Überblick, granularem Bestands-Monitoring und dem Verständnis der mathematischen Treiber ermöglicht es einem Unternehmen, die Liquidität zu sichern, ohne die Lieferfähigkeit im entscheidenden Moment zu verspielen.

Durch die gezielte Umsetzung des IBCS Standards werden Abweichungen, Prioritäten und Zusammenhänge nicht nur dargestellt, sondern unmittelbar verständlich gemacht. Der Leser erkennt schnell, wo Handlungsbedarf besteht und welche Maßnahmen relevant sind.



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